Kaum eine philosophische Frage ist größer – und zugleich persönlicher – als diese: Was ist der Sinn des Lebens? Sie scheint zunächst nach einer einfachen Antwort zu verlangen. Doch je länger man über sie nachdenkt, desto schwieriger wird sie. Denn was genau meinen wir überhaupt mit „Sinn“? Einen Zweck? Ein Ziel? Eine Aufgabe? Oder eine Bedeutung, die unser Leben über den Augenblick hinausweist? Vielleicht beginnt das Problem bereits damit, dass wir von einem „Sinn des Lebens“ sprechen, als gäbe es irgendwo eine Antwort, die unabhängig von uns existiert und die wir nur noch entdecken müssen.
Hat das Leben einen Zweck?
In der klassischen Philosophie war die Vorstellung eines sinnvollen Lebens eng mit der Frage nach dem guten Leben verbunden. Für Aristoteles war der Mensch ein Wesen, das nach einem bestimmten Ziel strebt. Dieses Ziel bezeichnete er als Eudaimonia – häufig mit „Glück“ übersetzt, obwohl damit weit mehr gemeint ist als ein angenehmes Gefühl. Eudaimonia beschreibt ein gelungenes, erfülltes Leben: ein Leben, in dem der Mensch seine Fähigkeiten entfaltet, vernünftig handelt und Tugenden entwickelt. Der Sinn liegt für Aristoteles also nicht in einem einzelnen großen Ereignis. Er liegt in der Lebensführung selbst. Das ist ein bemerkenswerter Unterschied zu unserem heutigen Verständnis. Wir neigen dazu, Sinn mit einem Ziel zu verbinden: etwas erreichen, etwas schaffen, etwas hinterlassen. Aristoteles würde vermutlich fragen, ob nicht bereits die Art und Weise, wie wir leben, über die Qualität unseres Lebens entscheidet.
Wenn es keinen vorgegebenen Sinn gibt
Mit der Neuzeit verändert sich die Perspektive. Die Vorstellung einer von Gott oder der Natur vorgegebenen Ordnung wird zunehmend infrage gestellt. Besonders radikal formuliert Friedrich Nietzsche diese Entwicklung. Wenn es keinen objektiv vorgegebenen Sinn gibt, dann kann der Mensch nicht einfach einen fertigen Sinn übernehmen. Er muss selbst schöpferisch werden. Nietzsches berühmter Satz lautet: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Das „Warum“ ist dabei keine Gebrauchsanweisung für das Leben. Es ist vielmehr eine innere Orientierung – etwas, das dem eigenen Dasein Richtung und Bedeutung gibt. Damit verändert sich die Frage grundlegend. Wir fragen nicht mehr nur: „Welchen Sinn hat das Leben?“ Sondern: „Welchen Sinn gebe ich meinem Leben?“ Doch diese Antwort hat einen hohen Preis. Wenn der Mensch selbst für den Sinn verantwortlich ist, kann er diese Verantwortung auch nicht mehr an eine höhere Instanz abgeben.
Das Problem des Absurden
Noch radikaler ist die Position von Albert Camus. Für Camus besitzt der Mensch ein tiefes Bedürfnis nach Ordnung, Erklärung und Sinn. Wir wollen wissen, warum wir existieren, warum wir leiden und welchen Zweck unser Leben hat. Doch die Welt liefert keine eindeutige Antwort. Sie ist nicht verpflichtet, unserem Bedürfnis nach Sinn zu entsprechen. Aus diesem Gegensatz entsteht das, was Camus das Absurde nennt: Der Mensch verlangt nach Sinn – und trifft auf eine Welt, die schweigt. Die Konsequenz ist für Camus jedoch nicht, das Leben zu verneinen. Im Gegenteil. Er fordert, die Absurdität anzuerkennen, ohne deshalb auf das Leben zu verzichten. Das ist vielleicht einer der radikalsten Gedanken der modernen Philosophie: Wir müssen nicht erst einen kosmischen Sinn finden, um unser Leben bejahen zu können. Wir können leben, obwohl die letzte Antwort ausbleibt.
Sinn als Verantwortung
Eine andere Antwort gibt Viktor Frankl. Seine Überlegungen sind deshalb besonders eindringlich, weil sie nicht allein aus philosophischer Theorie entstanden sind. Frankl überlebte die nationalsozialistischen Konzentrationslager und entwickelte später die Logotherapie, die den Menschen als ein Wesen versteht, das nach Sinn strebt. Für Frankl ist Sinn nicht einfach etwas, das wir uns ausdenken. Er begegnet uns in konkreten Situationen des Lebens: in einer Aufgabe, in einer Beziehung, in einem Werk – und manchmal auch in der Haltung, die wir gegenüber unvermeidbarem Leid einnehmen. Damit verschiebt sich die Perspektive erneut. Vielleicht besteht der Sinn nicht darin, eine Antwort auf das Leben zu besitzen, sondern darin, auf das Leben zu antworten. Das ist ein entscheidender Unterschied. Das Leben stellt uns Fragen: Was tun wir mit unseren Möglichkeiten? Wie gehen wir mit anderen Menschen um? Was machen wir aus unseren Fähigkeiten? Wie reagieren wir auf Verlust, Scheitern oder Verantwortung? Sinn wäre dann nicht etwas, das wir irgendwo finden. Sinn entsteht in unserer Antwort auf das, was uns widerfährt.
Muss ein sinnvolles Leben glücklich sein?
Damit kommen wir zu einer weiteren Schwierigkeit. Kann ein Leben sinnvoll sein, obwohl es unglücklich ist? Die Philosophie würde diese Frage vermutlich mit einem klaren Ja beantworten. Ein Mensch kann leiden und dennoch ein sinnvolles Leben führen. Er kann sich für andere einsetzen, Verantwortung übernehmen, Wissen schaffen, Kunst hervorbringen oder für eine Überzeugung eintreten – obwohl sein eigenes Leben keineswegs leicht oder glücklich ist. Damit wird deutlich: Sinn und Glück sind nicht dasselbe. Ein glückliches Leben muss nicht automatisch ein sinnvolles sein. Und ein sinnvolles Leben muss nicht immer glücklich sein. Vielleicht ist sogar das Streben nach einem ausschließlich glücklichen Leben selbst ein Missverständnis. Denn wenn wir jedes Leiden vermeiden wollen, vermeiden wir möglicherweise auch jene Erfahrungen, durch die unser Leben Tiefe erhält.
Die Endlichkeit des Lebens
Und dann steht am Ende jeder Sinnfrage die Tatsache, die wir am liebsten verdrängen: Wir werden sterben. Wenn unser Leben endlich ist, welchen Sinn kann es dann überhaupt haben?Diese Frage scheint zunächst gegen den Sinn zu sprechen. Aber vielleicht ist es genau umgekehrt. Ein Kunstwerk wird nicht wertlos, weil es irgendwann zerfällt. Eine Freundschaft wird nicht bedeutungslos, weil sie nicht ewig dauert. Ein Gespräch verliert seinen Wert nicht dadurch, dass es endet. Warum sollte es beim menschlichen Leben anders sein? Vielleicht ist seine Endlichkeit nicht das Argument gegen seinen Sinn, sondern eine Voraussetzung dafür, dass uns überhaupt etwas bedeutsam erscheinen kann. Wenn unsere Zeit unbegrenzt wäre, hätte möglicherweise nichts einen besonderen Wert.
Eine letzte Antwort gibt es vielleicht nicht
Vielleicht liegt die größte Schwierigkeit darin, dass wir bei der Frage nach dem Sinn des Lebens nach einer einzigen, universellen Antwort suchen. Aber möglicherweise gibt es sie nicht. Der Sinn eines Lebens könnte sich verändern. Er kann in der Jugend anders aussehen als im Alter. Er kann sich durch Liebe, Verlust, Verantwortung oder neue Erfahrungen verändern. Und vielleicht ist genau das kein Mangel, sondern Teil des Menschseins. Der Philosoph Søren Kierkegaard formulierte es treffend: „Das Leben kann nur vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden.“ Vielleicht verstehen wir den Sinn unseres Lebens deshalb niemals vollständig in dem Moment, in dem wir es leben. Erst im Rückblick erkennen wir Zusammenhänge, die uns vorher verborgen waren. Vielleicht ist der Sinn des Lebens also weder eine Formel noch ein endgültiges Ziel. Vielleicht ist er eine Aufgabe, die sich immer wieder neu stellt. Und vielleicht besteht unsere Freiheit darin, diese Aufgabe nicht einfach vorzufinden, sondern sie durch unser Denken, unsere Entscheidungen und unser Handeln selbst mitzugestalten.
Am Ende bleibt deshalb eine Frage, die sich nicht endgültig beantworten lässt: Hat unser Leben einen Sinn, den wir entdecken müssen – oder entsteht Sinn erst dadurch, dass wir unserem Leben Bedeutung geben? Vielleicht ist die Suche nach der Antwort selbst schon ein Teil des Sinns.
Grafik: Ralf Lesko