Es gibt eine Erfahrung, die jedem Menschen bevorsteht und über die wir dennoch nur ungern sprechen: Wir werden sterben. Wir wissen es von Anfang an. Und doch leben wir den größten Teil unseres Lebens so, als wäre diese Tatsache weit entfernt. Wir planen für morgen, für nächstes Jahr, manchmal für Jahrzehnte. Wir bauen Häuser, gründen Familien, beginnen neue Projekte und machen Pläne für eine Zukunft, von der wir nicht wissen, wie lange sie dauern wird. Und irgendwann kommt der Moment, in dem diese Zukunft endet. Warum macht uns dieser Gedanke solche Angst?
Fürchten wir den Tod – oder das Sterben?
Zunächst lohnt es sich, zwei Dinge voneinander zu unterscheiden. Wir können Angst vor dem Sterben haben: vor Schmerzen, Krankheit, Einsamkeit, Kontrollverlust oder davor, anderen zur Last zu fallen. Aber wir können auch Angst vor dem Tod selbst haben – vor dem Zustand, nicht mehr zu existieren. Und genau hier beginnt ein philosophisches Problem. Denn wie können wir etwas fürchten, das wir niemals selbst erfahren können? Der griechische Philosoph Epikur stellte diese Frage bereits vor mehr als zweitausend Jahren. Sein Gedanke war radikal und zugleich erstaunlich einfach: Solange wir leben, ist der Tod nicht da. Und wenn der Tod eingetreten ist, sind wir nicht mehr da. Warum also sollten wir uns vor dem Tod fürchten? Für Epikur ist der Tod kein Zustand, den wir erleben. Er ist vielmehr das Ende jeder Erfahrung. Es gibt dann weder Schmerz noch Freude, weder Verlust noch Bedauern. Seine Schlussfolgerung war deshalb: Nicht der Tod selbst macht uns Angst, sondern unsere Vorstellung vom Tod.
Das klingt logisch. Und trotzdem überzeugt es emotional kaum.
Warum reicht die Logik nicht aus?
Hier liegt genau der Unterschied zwischen philosophischer Einsicht und menschlicher Erfahrung. Wir wissen rational, dass wir eines Tages sterben werden. Aber dieses Wissen verändert unser tägliches Empfinden kaum. Wir hängen am Leben, an Menschen, an Erinnerungen und an der Welt, die wir kennen. Wir wollen nicht einfach „nicht mehr sein“. Wir wollen sehen, was aus unseren Kindern wird. Wir möchten noch reisen, noch etwas lernen, noch ein Gespräch führen, noch einen Sommer erleben. Wir haben Projekte, Hoffnungen und unerledigte Dinge. Der Tod nimmt uns nicht nur das Leben. Er nimmt uns auch die Möglichkeit weiterer Möglichkeiten. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum wir ihn so schwer akzeptieren können.
Sokrates: Warum sollte der Tod etwas Schlechtes sein?
Auch Sokrates beschäftigte sich mit dieser Frage. In Platons Apologie begegnet er dem Tod erstaunlich gelassen. Er argumentiert, dass niemand wirklich wissen könne, ob der Tod etwas Schlechtes sei. Vielleicht sei er sogar ein Zustand der Ruhe oder – wie Sokrates spekuliert – eine andere Form der Existenz. Der entscheidende Gedanke ist jedoch ein anderer: Wir fürchten häufig etwas, von dem wir gar nicht wissen, ob es überhaupt schlecht ist. Das ist bemerkenswert. Denn Angst entsteht oft gerade dort, wo Wissen fehlt. Wir fürchten nicht nur das, was wir kennen, sondern vielleicht noch stärker das, was wir uns nicht vorstellen können. Der Tod ist die letzte Grenze unseres Vorstellungsvermögens. Wir können uns unsere eigene Abwesenheit nicht wirklich vorstellen, weil jedes Vorstellen voraussetzt, dass jemand da ist, der sich etwas vorstellt.
Seneca und die verschwendete Zeit
Der römische Philosoph Seneca lenkte den Blick deshalb auf eine andere Frage. Nicht der Tod sei unser größtes Problem, sondern dass wir unser Leben oft verschwenden. In seinem Werk De brevitate vitae – Über die Kürze des Lebens – schreibt er sinngemäß, dass das Leben nicht zu kurz sei; vielmehr machten wir es durch unseren Umgang mit der Zeit zu kurz. Das ist ein überraschender Perspektivwechsel. Vielleicht sollten wir nicht ständig fragen: „Wie kann ich länger leben?“ Sondern: „Wie lebe ich mit der Zeit, die mir gegeben ist?“ Denn die Endlichkeit macht unsere Zeit überhaupt erst kostbar. Ein Tag, der unendlich oft wiederkehrt, wäre vielleicht weniger wertvoll als ein Tag, von dem wir wissen, dass er nicht zurückkommt.
Heidegger: Der Tod gehört zum Leben
Der deutsche Philosoph Martin Heidegger ging noch weiter. Für ihn ist der Tod nicht einfach ein Ereignis, das irgendwann am Ende unseres Lebens passiert. Das Wissen um unsere eigene Endlichkeit gehört vielmehr von Anfang an zu unserem Dasein. Wir wissen, dass unsere Möglichkeiten begrenzt sind. Wir können nicht alles erleben, nicht alle Wege gehen, nicht jede Entscheidung wieder rückgängig machen. Jede Entscheidung für etwas ist gleichzeitig eine Entscheidung gegen unendlich viele andere Möglichkeiten. Unsere Zeit ist begrenzt. Und gerade deshalb haben unsere Entscheidungen Gewicht. Heideggers Gedanke ist unbequem, aber tiefgreifend: Vielleicht macht uns erst die Endlichkeit zu den Menschen, die wir sind. Wenn wir ewig leben würden, könnten wir jede Entscheidung aufschieben. Morgen wäre immer noch Zeit. Aber weil unsere Zeit begrenzt ist, bekommt das Jetzt eine Bedeutung.
Warum verdrängen wir den Tod?
Trotzdem versuchen wir häufig, den Tod aus unserem Alltag fernzuhalten. Wir sprechen selten darüber. Wir verwenden euphemistische Begriffe wie „von uns gegangen“ oder „nicht mehr unter uns“. Wir lagern Sterben und Tod häufig in Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen aus. Vielleicht ist das verständlich. Eine Gesellschaft, die auf Jugend, Leistung und Fortschritt ausgerichtet ist, tut sich schwer mit etwas, das sich nicht optimieren lässt. Wir können unsere Gesundheit verbessern, Krankheiten behandeln, unser Leben verlängern. Aber wir können die Endlichkeit nicht abschaffen. Vielleicht liegt darin eine der tiefsten Zumutungen des Todes: Er erinnert uns daran, dass nicht alles in unserer Hand liegt.
Und wenn der Tod dem Leben erst Bedeutung gibt?
Hier treffen sich die Frage nach dem Tod und die Frage nach dem Sinn des Lebens. Wenn unser Leben unbegrenzt wäre – hätte dann überhaupt etwas dieselbe Bedeutung? Ein Gespräch mit einem geliebten Menschen wäre vielleicht weniger kostbar, wenn wir wüssten, dass wir es jederzeit wiederholen können. Ein Abschied wäre kein wirklicher Abschied. Eine Entscheidung müsste nicht endgültig sein. Es ist doch aber gerade die Endlichkeit, die unserem Leben Dringlichkeit verleiht. Der französische Philosoph Albert Camus sah darin keinen Grund zur Verzweiflung. Für ihn gibt es keine Garantie dafür, dass das Universum unserem Leben einen vorgegebenen Sinn verleiht. Aber daraus folgt nicht, dass das Leben bedeutungslos ist. Im Gegenteil. Gerade weil unsere Zeit begrenzt ist, können wir sie bewusst gestalten.
Fürchten wir eigentlich nicht den Tod, sondern das ungelebte Leben?
Und vielleicht liegt hier eine besonders interessante Antwort auf die ursprüngliche Frage. Vielleicht haben wir nicht nur Angst davor, zu sterben. Vielleicht haben wir Angst davor, nicht gelebt zu haben. Vor den Dingen, die wir nicht mehr tun werden. Den Worten, die wir nicht mehr sagen. Den Menschen, mit denen wir uns nicht mehr versöhnen können. Den Möglichkeiten, die irgendwann nicht mehr möglich sein werden. Der Tod stellt deshalb nicht nur die Frage: „Wann endet mein Leben?“ Er stellt eine viel unbequemere Frage: „Was mache ich mit meinem Leben, solange es noch da ist?“ Vielleicht ist das der eigentliche philosophische Wert unserer Endlichkeit. Sie zwingt uns, zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden.
Sie erinnert uns daran, dass Zeit nicht zurückkommt. Und sie macht aus dem abstrakten Begriff „Leben“ etwas Konkretes: unser Leben. Jetzt. Vielleicht können wir den Tod nicht besiegen. Aber vielleicht können wir lernen, so zu leben, dass wir ihn nicht ständig verdrängen müssen. Und die entscheidende Frage deshalb nicht: „Wie kann ich dem Tod entkommen?“ Sondern: „Wie möchte ich gelebt haben, wenn mein Leben einmal zu Ende geht?“
Titelgrafik: Ralf Lesko