„Ich bin eben so.“
Diesen Satz sagen wir schnell, wenn wir uns selbst beschreiben wollen. Wir sind geduldig oder ungeduldig, zurückhaltend oder extrovertiert, optimistisch oder skeptisch. Wir haben bestimmte Vorlieben, Erinnerungen und Erfahrungen. Wir haben einen Namen, eine Geschichte, einen Beruf, eine Familie. All das scheint uns zu sagen, wer wir sind. Doch sobald wir genauer hinschauen, wird die Frage erstaunlich kompliziert. Bin ich mein Körper? Meine Erinnerungen? Mein Charakter? Meine Erfahrungen? Meine Entscheidungen? Oder gibt es hinter all diesen Dingen noch ein unveränderliches „Ich“? Die Philosophie beschäftigt sich mit dieser Frage seit der Antike. Eine endgültige Antwort gibt es bis heute nicht.
Bin ich heute noch derselbe Mensch wie früher?
Nehmen wir ein altes Foto zur Hand. Wir sehen uns als Kind. Wir erkennen uns sofort. Aber sind wir tatsächlich noch derselbe Mensch? Unser Körper hat sich verändert. Unsere Ansichten haben sich verändert. Unsere Beziehungen, Ängste, Wünsche und Überzeugungen sind andere geworden. Wir haben Erfahrungen gemacht, die das Kind auf dem Foto noch nicht einmal erahnen konnte. Und trotzdem sagen wir: „Das bin ich.“ Was verbindet das Kind auf dem Foto mit dem Menschen, der heute davorsteht? Der englische Philosoph John Locke sah einen wesentlichen Bestandteil unserer persönlichen Identität in der Erinnerung. Wir sind mit unserer Vergangenheit verbunden, weil wir uns an sie als unsere Vergangenheit erinnern. Doch auch diese Erklärung hat ihre Grenzen. Wir vergessen einen großen Teil unseres Lebens. Erinnerungen verändern sich, manche sind ungenau oder sogar falsch. Trotzdem hören wir nicht auf, dieselbe Person zu sein. Erinnerung gehört also zu unserer Identität – sie kann sie aber nicht vollständig erklären.
Das Ich, das wir nicht finden
Der schottische Philosoph David Hume ging einen Schritt weiter. Er suchte nach dem unveränderlichen „Ich“ und stellte fest, dass er bei genauer Selbstbeobachtung nur einzelne Wahrnehmungen fand: Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Wünsche. Ein festes Selbst konnte er nicht entdecken. Für Hume besteht unser Ich gewissermaßen aus einem Bündel wechselnder Wahrnehmungen. Wir erleben uns als zusammenhängende Person, obwohl sich unser inneres Erleben ständig verändert. Das stellt eine Vorstellung infrage, die uns normalerweise selbstverständlich erscheint. Wir denken, irgendwo in uns gebe es einen festen Kern, der unser eigentliches „Ich“ ausmacht. Hume fragt: Wo ist dieser Kern?
„Ich denke, also bin ich“
Der französische Philosoph René Descartes kam zu einem völlig anderen Ergebnis. Er wollte herausfinden, ob es überhaupt etwas gibt, an dem man nicht zweifeln kann. Also stellte er zunächst alles infrage: die Welt, seine Wahrnehmungen und sogar die Existenz seines eigenen Körpers. Doch eines konnte er nicht bezweifeln: Dass er gerade zweifelte. Daraus entstand der berühmte Satz: „Ich denke, also bin ich.“ Für Descartes liegt die Gewissheit des eigenen Ichs im Denken. Solange ich denke, existiere ich zumindest als denkendes Wesen. Damit wurde das Bewusstsein zum Ausgangspunkt einer neuen Vorstellung vom Menschen. Doch auch hier bleibt eine Frage offen: Ist dieses denkende Ich tatsächlich eine feste Identität – oder verändert sich auch unser Denken ständig?
Wie viel von mir stammt eigentlich von mir?
Die Frage nach der eigenen Identität führt unmittelbar zur Frage nach unserer Freiheit. Wir suchen unsere Eltern nicht aus. Wir bestimmen nicht, in welcher Familie wir geboren werden, welche Sprache wir lernen oder welche Erfahrungen unsere Kindheit prägen. Unsere Kultur, unsere Erziehung und unser Umfeld beeinflussen uns, lange bevor wir selbst bewusst Entscheidungen treffen können. Später halten wir viele unserer Überzeugungen für selbstverständlich und persönlich gewählt. Aber wie viel davon haben wir tatsächlich selbst entschieden? Friedrich Nietzsche misstraute deshalb der Vorstellung eines vollständig autonomen Ichs. Hinter unseren bewussten Entscheidungen wirken Triebe, Bedürfnisse, Erfahrungen und gesellschaftliche Prägungen. Der Mensch ist also nicht einfach der souveräne Herrscher über sich selbst. Das bedeutet nicht, dass wir keine Freiheit besitzen. Es bedeutet vielmehr, dass unsere Freiheit auf etwas aufbaut, das wir nicht selbst geschaffen haben. Wir beginnen unser Leben nicht bei null.
Wer bin ich, wenn sich alles verändert?
Unser Körper verändert sich. Unsere Gedanken verändern sich. Unsere Beziehungen verändern sich. Unsere Überzeugungen verändern sich. Und trotzdem erleben wir uns als dieselbe Person. Identität bedeutet deshalb nicht, dass alles in uns gleich bleibt. Sie entsteht vielmehr durch Kontinuität. Unser heutiges Ich ist aus unserem früheren Ich hervorgegangen. Unsere Erfahrungen, Entscheidungen, Erfolge und Fehler haben Spuren hinterlassen. Unsere Vergangenheit liegt nicht einfach hinter uns. Sie wirkt in uns weiter. Aber sie bestimmt uns nicht vollständig. Ein Mensch kann lernen, geduldiger zu werden. Er kann Vorurteile erkennen und überwinden. Er kann Fehler eingestehen und sein Verhalten verändern. Er kann eine Überzeugung aufgeben, von der er jahrzehntelang überzeugt war. Das bedeutet: Unsere Vergangenheit erklärt, wer wir sind. Sie legt aber nicht endgültig fest, wer wir werden.
Der Mensch ist kein fertiges Produkt
Vielleicht liegt genau hier der entscheidende Punkt. Wir suchen bei der Frage „Wer bin ich?“ häufig nach einem festen Kern. Nach einer endgültigen Beschreibung unserer Persönlichkeit. Doch ein Mensch ist kein fertiger Gegenstand. Wir werden. Wir verändern uns. Wir lernen. Wir widersprechen uns manchmal selbst. Wir können unsere Meinung ändern, alte Überzeugungen hinter uns lassen und neue entwickeln. Wir können uns selbst überraschen. Unsere Identität ist deshalb weniger ein Besitz als ein Prozess. Das bedeutet nicht, dass wir beliebig werden können. Niemand kann seine Vergangenheit auslöschen. Niemand kann seine Herkunft einfach abstreifen. Aber wir können entscheiden, was wir daraus machen. Und darin liegt ein wichtiger Teil unserer Freiheit.
Wer bin ich also?
Die Philosophie liefert auf diese Frage keine einheitliche Antwort. Für Locke ist Erinnerung entscheidend. Hume bezweifelt, dass wir überhaupt ein unveränderliches Selbst finden können. Descartes sucht die Gewissheit im denkenden Ich. Nietzsche stellt die Vorstellung eines souveränen Ichs infrage. Sie widersprechen einander – und gerade deshalb wird die Frage interessant. Denn möglicherweise ist die Suche nach dem „wahren Ich“ falsch gestellt. Wir sind nicht nur das, was wir einmal waren. Wir sind auch nicht nur das, was wir gerade sind. Wir sind ein Mensch mit einer Vergangenheit, der seine Gegenwart erlebt und seine Zukunft durch Entscheidungen mitgestaltet. Wer wir sind, steht deshalb niemals vollständig fest. Und vielleicht ist das keine Unsicherheit, sondern eine der größten Freiheiten, die wir besitzen. Denn die Frage „Wer bin ich?“ enthält eine zweite, viel folgenreichere Frage:
Wer möchte ich sein?
Beitragsgrafik: Ralf Lesko